Half Dome

Wie könnte es anders sein: um 04:30 Uhr klingelt mal wieder der Wecker. Als erstes Checken wir das Wetter. Ein banger Moment, aber wir sehen nur Sterne am Himmel. Über Nacht hat es wieder aufgeklart. Wir entscheiden uns den Aufstieg zu wagen. Also verdrücken wir ein kurzes und schnelles Frühstück bevor wir uns mit Stirnlampe bewaffnet und gut eingepackt auf den Weg machen.
Den Vernal Fall lassen wir schnell hinter uns und sind auch zügig beim oberen Nevada Fall. Hier haben wir nach gut 100 Minuten schon über 600 Höhenmeter zurückgelegt. Aber unser Weg führt uns nochmals 700 Meter bis auf den Half Dome. Womit wir am Ende des Tages von knapp 1250 auf über 2690 Meter über Meer und zurück geklettert wären.
Der Weg ist
sehr abwechslungsreich - mal felsig, mal bewaldet und zwischendurch führt er auch an einem kleinen Creek entlang. Durch die aufgehende Sonne erhalten wir märchenhafte Einblicke in den Wald und die Umgebung. Mal liegt ein bisschen Nebel, welcher durch Lichtstrahlen aufgefächert wird.
Das Little Yosemite Valley mit seinem Campground ist auch schon vorbei und wir sind gut in der Zeit. Bis jetzt hat es nur wenige andere Leidensgenossen, welche man immer mal wieder auf der ganzen Wanderung bei diversen Stopps sieht und so mit ihnen auch immer wieder kurze Gespräche - eigentlich grännen wir uns gegenseitig nur ins Gilet - führt. Hie und da blitzt eine Lampe auf, nach dem Campground sehen wir PCT-Wanderer (Pacific Crest Trail - Wanderweg von der Mexikanischen an die Kanadische Grenze) bepackt mit riesigen Rucksäcken.
Nach knapp
drei Stunden stehen wir vor dem Aufstieg auf den Little Dome, die Schulter des Half Dome. Ab nun werden innert kurzer Zeit Höhenmeter gemacht. Die Oberschenkel brennen, den Puls spüren wir im Hals und an der Schläfe und der Schweiss rinnt trotz Kälte den Rücken hinab. Und dann stehen wir vor ihnen: vor den letzten 122 Meter. Zwei Kabel im Abstand von ca. 80 Zentimeter zeigen einem den Weg und helfen den Permit-Inhabern den Gipfel zu erklimmen. Ohne diese Kabel, wäre es nur für richtige Bergsteiger möglich da hoch zukommen. Also werden nochmals alle Kräfte mobilisiert, den inneren Schweinehund und die Höhenangst verjagt und dann erklimmen wir diesen letzten, fast vertikalen Aufstieg. Der Lohn für den Kampf ist ein fantastischer Ausblick ins Tal.
Das Wetter macht - trotz der Kälte - auch wieder mit. Da haben wir unheimliches Glück. Sonne und blauer Himmel, einzelne Wolken am Horizont. So bietet sich ein phänomenaler Panoramablick in alle Richtungen. Ein Traum. Wir geniessen die Stimmung, schiessen Fotos und nach etwas mehr als 45 Minuten machen wir uns an den Abstieg. Zum Glück haben wir von zuhause dünne Arbeitshandschuhe mitgebracht. So geht es fast von alleine, geführt durch die Kabel, nach unten. Beim Kreuzen muss nochmals höchste Konzentration an den Tag gelegt werden und jeder Schritt und Griff wohl überlegt sein. Ansonsten heisst es "Tschüss und e schöne…“
Aber es geht
alles gut und als wir unten ankommen, klatschen wir uns ab und strahlen wie Tschernobyl zu seinen besten Zeiten über beide Ohren. Ein wohlverdienter Zwischenzwipf wird an einem windschattigen Plätzchen eingenommen und kurz darauf sind wir schon auf dem Abstieg. Erst jetzt fällt uns auf, dass es viel mehr Leute hat. Pro Tag erhalten 400 Personen ein Permit. Bei unserem Aufstieg waren auch ein paar dabei, die es ohne riskiert haben. Also haben wir alles richtig gemacht. The early Bird catches the Worm oder so… Den grossen Ansturm haben wir umgangen und auf dem Abstieg schauen wir ab und an zu den Cables und schütteln ungläubig den Kopf ob den vielen Auf- und Absteigern. Alain bekommt bei einem Gespräch mit, dass es einmal über 90 Minuten gedauert hat, bis man oben auf dem Half Dome war. Wahrlich kein schönes Vergnügen, über eine Stunde an einem Drahtseil zu „hangen“...
Den Rest
des Abstieg bewältigen wir auch noch und nach über neun Stunden und 3000 Höhenmeter (rauf und runter) gönnen wir uns im Coffee Shop im Half Dome Village eine Café Mocca. Danach geht es mit dem Shuttle Bus zurück zum Campingplatz. Für heute sind wir genug gewandert. Wir pflegen unsere geschundenen Körper und geniessen den Nachmittag. Dabei sehnen wir uns nach wärmeren Temperaturen. Die Wettervorhersagen sind zwar besser, aber es bleibt kalt. Und so treffen wir eine Entscheidung. Wir fahren morgen weiter, obwohl wir noch zwei Nächte gebucht hätten. So klingt der Abend wieder mit einem Znacht im Camper aus. Am nächsten Tag besuchen wir noch den Glacier Point und flüchten danach in wärmere Gefilde um die letzten Tage im Camper zu geniessen.
